YAMZO [OZMAI]
„Die Entwicklung eines individuellen künstlerischen Stils kann heutzutage von der KI bis zu einem gewissen Grad nachvollzogen und repliziert werden. Es fehlt ihr zwar zunächst das „Narrativ“, also die Geschichte des Künstlers, aber sie kann heute schon sehr gut eine Inspirationsquelle für Künstler bieten.“ (YAMZO, 2021)

Im OZM HAMMERBROOKLYN gibt es nicht nur die analoge Kunst zu bestaunen. Noch ein wenig im Hintergrund und auf den ersten Blick vielleicht nicht sofort erkennbar, arbeitet im Exponat ein Mann, der sich mit innovativen digitalen-künstlerischen Konzepten beschäftigt, die neue Maßstäbe für den Kunst- und Kulturbereich setzen werden. Die Rede ist von Janis aka YAMZO. Seit letztem Jahr (2020) bereichert er mit seinen Ideen sowie Umsetzungen das Team wie auch das Exponat und nimmt damit einen Bereich in Anspruch, den es vorher so im OZM nicht gab. Dadurch eröffnen sich für den Betrieb, die Gestalter*innen der Kunstinstitution aber auch für die Besuchenden ganz neue zukunftsträchtige Perspektiven und Optionen. Viele der Vorhaben von YAMZO sind Gemeinschaftsprojekte mit anderen Akteur*innen und es wird eventuell noch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis sie aufgrund ihrer Komplexität und des finanziellen Aufwands komplett sichtbar und erfahrbar sein werden. Doch das Warten wird sich lohnen.

YAMZO studierte Informatik, machte zunächst seinen Diplomabschluss, erlangte danach den Doktorgrad und arbeitete als Postdoc. Seine Erfahrungen, die er während seiner Beschäftigungen mit der Biometrie und KI (Künstliche Intelligenz) im Laufe der Jahre erwarb, fließen heute in diverse innovative Projekte für das OZM mit ein. Doch bevor diese im Mittelpunkt stehen, wird zunächst etwas zurückgerudert und andere Aspekte genauer betrachtet, um den Einstieg sowie das Verständnis für das digitale Thema ein weing zu erleichtern. Was also bedeutet eigentlich KI? Was versteht man unter Kreativität und ist die Beschäftigung mit der Digitalität und Technologie künstlerisch? Da das Thema der KI sehr umfangreich ist und es zu weit führen würde, alles, was mit ihr zusammenhängt, darzustellen, können nur Teilbereiche fokussiert werden.

Unter dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ auch „artifizielle Intelligenz“ („AI „oder „A. I.“) oder im englischen „artificial intelligence“ genannt, gibt es in der Wissenschaft unterschiedliche Begriffsbestimmungen, die sich grob in zwei Stränge unterteilen lassen: zum einen KI als interdisziplinäres Forschungsfeld, das menschliche (oder allgemeiner formuliert natürliche) Intelligenz und kognitive Prozesse mithilfe von computergestützten, logischen und naturwissenschaftlichen Verfahren analysiert, abbildet, simuliert oder gar repliziert. Zum anderen kann KI als Bereich bzw. spezifische Technik(en) der Softwareentwicklung als Fachrichtung der Informatik zugerechnet werden. Es ist schwer, den Begriff KI derzeit ganz konkret zu definieren, da sie auf verschiedenen Gebieten ihren Einsatz findet, die nichts miteinander zu tun haben müssen. Die wissenschaftliche Arbeit mit der Künstlichen Intelligenz begann bereits in den 1950er-und 1960er-Jahren. Nachdem sich die Forschung danach ein paar Jahre nicht sehr ausgiebig mit ihr beschäftigte, steht sie seit Mitte der 1990er-Jahre als populäres Thema wieder in der Wissenschaft und Wirtschaft im Fokus.

Durch sensationelle Weiterentwicklungen ist sie zudem auch in der öffentlichen Debatte anzutreffen. Besonders im Zusammenwirken mit Big Data, also der Möglichkeit zur Speicherung und Verarbeitung großer Datensätze, hat die KI seither Produktions- und Logistikprozesse verbessert und enormen Einzug in unseren Alltag gehalten. Mit der KI sind zahlreiche Erwartungen und Ängste verbunden. Diese gehen zum Teil von einer erwarteten Umwandlung des Menschen in eine neue, technisch überlegene Spezies oder der Kapitulation des Menschen durch eine umfassende “Superintelligenz” aus.

Seit ein paar Jahren findet die Künstliche Intelligenz auch zunehmend ihren Einsatz im Bereich derunterschiedlichen Kunstgattungen. Im Kunstbereich aber auch darüber hinaus wird vor allem eine Frage heiß diskutiert, nämlich die, ob eine KI kreativ sein kann. Durch Projekte wie Next Rembrandt oder Beethovens Unvollendete Sinfonie wird das Verständnis, welches wir von Kunst oft haben, infrage gestellt. Bei beiden Vorhaben wurde mithilfe einer KI ein Kunstwerk erschaffen. Bei Next Rembrandt handelt es sich um ein Gemälde, das originalgetreu den Kunststil Rembrandts widerspiegelt, sodass es wie von seiner Hand gemalt aussieht. Bei dem anderen Projekt wurde Beethovens 10. Sinfonie durch eine KI, die von Musikexpert*innen und Sachverständiger*innen trainiert wurde, komplementiert. Kann also eine technische Maschine oder Software, die aber vom Know-how und Training der Menschen abhängig ist, kreativ sein? Es gibt darauf keine „richtige“ Antwort, denn es hängt immer davon ab, was man unter Kreativität und Kunst versteht. Sind z. B. die Gefühle und das Bewusstsein dafür, dass man etwas kreiert sowie die Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel Grundvoraussetzungen, um Kunst zu erschaffen? In den Geisteswissenschaften versteht man unter Kreativität die Fähigkeit, neue, überraschende, einfallsreiche und wertvolle Ideen, Erzeugnisse oder Taten zu realisieren. Würde die KI dann an den Merkmalen Überraschungseffekt und Novum nicht scheitern, da sie im Grunde „nur“ Sachen hervorbringen kann, die Programmierer*innen ihr im Vorfeld lehren? Oder ist es nicht so, dass auch wenn mit einer KI theoretisch alles berechenbar ist, das Ergebnis nicht trotz allem durch Neues verblüffen kann? Oder ist die KI vielmehr nur als Werkzeug zu verstehen, wie beispielsweise eine Spraydose, dass vom/von der Künstler*in für die Schöpfung einer Kreation eingesetzt wird? Weiter stellt sich bei KI-erzeugter Kunst auch die Frage, wer der/die Urheber*in (Künstler*in) eines Werkes ist. Die Maschine, also das Programm oder der/die Programmierer*in, die die KI entwickelt hat oder die Künstler*innen, die als Vorlagen für das Programm dienen? Kann insofern die technische Nachahmung oder Kopie von vorhandener Kunst auch selbst Kunst sein? Verliert das Kunstwerk nicht in dem Moment, wo es reproduziert wird seine „Aura“, da seine Einmaligkeit und Geschichte verloren gehen? Seit der Entstehung von Fotografie und Film hat sich der Blick auf die Kunst und deren Rezeption gewandelt, denn durch sie waren fortan sehr gute Reproduktionen möglich. Durch die Digitalisierung und die KI sind nun aber (fast) perfekte Kopien von etwa Musik, Bildern oder Textdokumenten möglich, sodass es eigentlich nicht mehr möglich ist, zwischen Original und Reproduktion eines (digitalen) Kunstwerks zu unterscheiden. Wenn die KI es uns nun ermöglicht, sozusagen auf Knopfdruck Kunst andauernd zu erschaffen und zu perfektionieren, geht dann über die Einzigartigkeit hinaus auch die Authentizität eines Kunstwerkes verloren? Es sind viele Fragen, die sich in Bezug auf die KI und die digitalen Prozesse in Zusammenhang mit Kunst stellen. Diese betreffen nicht nur unser Verständnis von Kunst und die Frage, ob die KI kreativ sein kann, sondern auch den Umstand, wie wir Kunst betrachten und wahrnehmen. Ob die Fragen jemals mit einem einfachen „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind, ist zweifelhaft und wird, wenn überhaupt, die Zeit zeigen.

Doch zurück zu den künstlerischen Projekten, die YAMZO im OZM HAMMERBROOKLYN verfolgt. Das hauptsächliche Bestreben, das über allem steht und in das alle anderen digitalen Realisierungen mit einfließen werden, sieht vor, das Exponat in ein intelligentes Gesamtkunstwerk zu verwandeln. Unterstützt wird dies durch eine interne KI, die OZMAI heißt. Das heißt, dass das OZM HAMMERBROOKLYN als intelligentes, wahrnehmungs- und empfindsames Werk gestaltet wird, das mit den Künstler*innen und den Besuchenden in Zukunft agieren soll. Je nachdem wie sich das Projekt entwickeln wird, wird klar werden, wie das Digitale unsere Wahrnehmung des öffentlichen Raums bereits verändert und sich in unserem alltäglichen Bewusstsein festgesetzt hat. Im Fokus soll hier u. a. auch die Sensibilisierung für Themen wie Geolokalisierung, Biometrie und Erfassung durch z. B. Kameras und Drohnen stehen, denn wir werden in der Stadt beobachtet, wie auch im Web. Darüber hinaus wird in Kooperation mit verschiedenen Expert*innen eine umfangreiche Wissensdatenbank über Graffiti, Street Art und Urban Art angelegt, auf die die KI im OZM HAMMERBROOKLYN, zugreifen kann, um dieses geistige Kapital weiter zu vermitteln. Es wird spannend zu sehen sein, welche Verknüpfungen sie hieraus ziehen und welche Kontexte sich dadurch offenbaren werden. In Zukunft soll es zudem auch von OZMAI generierte Kunstwerke geben, die dann nicht nur betrachtet werden können, sondern die auch mit den Leuten interagieren sollen.

Ein anderes Vorhaben ist eine App, die sich gerade noch in einem internen Test befindet. Sie heißt Graffiti Kompass. Jede/r, die/der fragt, kann an dem Testverfahren teilnehmen und sich die App dann aus dem Play Store laden. In der App können Fotos von Graffiti aus einem lokalen Raum hochgeladen werden. Die KI prüft dann, ob es sich auch wirklich um Graffito handelt. Falls dem so ist, wird das Bild auf den Server des OZMs weitergeleitet. Außerdem kann der Ort, wo das Graffito gesehen wurde, eine kurze Beschreibung sowie eine Bewertung, durch den/die User*in vorgenommen und hochgeladen werden. Im Anschluss wird das Bild auf der Website des OZMs veröffentlicht. Sehr schön bei diesem Projekt ist, dass die Graffiti-Bilder bis zu einem gewissen Grad das Erscheinungsbild beispielsweise eines Stadtteils widerspiegeln können. Hierdurch kann die Neugierde für noch nicht so bekannte Orte geweckt werden. Zudem bietet die App Sprayer*innen die Möglichkeit, in Erscheinung zu treten. Gerade wenn ihre Namen öfter zu finden sind, fällt das auf und bleibt im Gedächtnis haften. Auch wird durch das Bilderkonvolut der App eine tolle Verbindung zwischen den Kunstorten draußen und den Werken im Inneren der Kunstinstitution OZM visualisiert und hergestellt.

Das dritte Projekt Trainwriter.AI, welches durch YAMZO zum Leben erweckt wurde, wird auf dem Dach des Exponats zu finden sein. Genauerer Informationen zu dem Konzept, Visualisierungen und dem aktuellen Stand lassen sich auf der Website https://onezeromore.com/ozmai-2/ai-contain-art/ finden. Kurz gefasst geht es darum, auf dem Dach von OZM HAMMERBROOKLYN einen Container zu installieren, auf dem an der Längsseite zur S-Bahn-Trasse hin eine LED-Leinwand angebracht ist. Sobald dort ein Zug entlang fährt, wird auf der LED-Leinwand in Echtzeit entweder der Zug oder das nähere Umfeld des Zuges durch die KI künstlerisch verfremdet. Die Passanten im Zug können diese künstlerischen Visualisierungen simultan auf der Leinwand des Containers bestaunen und für einen kurzen Moment dem Alltag entfliehen. Als Grundlagen – oder man könnte auch Inspirationsquelle sagen – für die Bilder, die die KI hierfür verwendet, dienen bisher die Graffiti-Werke der Künstler Loomit, Darco FBI und OZ, die sich im OZM befinden. Es gibt aber auch noch eine andere Quelle, aus der Graffiti-Bilder stammen und die die KI für ihre eigens produzierten Darstellungen nutzt. So gibt es bereits seit einigen Monaten eine Kamera, die in einem Fenster des Exponats steht und die dank der KI erkennt, ob sich auf vorbeifahrenden Zügen, die in den Hamburger Hauptbahnhof einfahren, Graffiti befinden. Ist dem so, wird das Graffito digital festgehalten und auf den Server gespeichert. Jede Woche werden die aktuellsten Bilder der Graffiti von den Zügen auf der Website https://onezeromore.com/ozmai-2/trainspotting/ präsentiert. Und YAMZO hat auch einen schönen Blogbeitrag zum genauen Verfahren verfasst https://onezeromore.com/ozm-trainspotting/, der einen genaueren Einblick gibt.

YAMZO bezieht sein Wissen aus bereits Erlerntem und aus der ständigen Beschäftigung mit dem Thema KI und Digitalität. Sein Umgang damit ist sehr innovativ, da er z. B. Softwares verwendet, die für andere Bereiche entwickelt wurden, er diese dann aber in den Kunstbereich überführt, wodurch sich neue Möglichkeiten und Kontexte eröffnen. Zu sehen etwa bei den Projekten Graffiti Kompass oder Trainwriter.AI. Es geht also darum, sich Dinge anzueignen, sie anders zu benutzen und zu modifizieren. Dadurch wird gezeigt, was alles möglich ist. Bei seiner Arbeit beschäftigen YAMZO immer wiederkehrende Fragen, wie z. B.: Was steckt dahinter? Was kann man damit machen? Gibt es Grenzen und wenn ja, wo sind die? In diesem Zusammenhang geht es ihm auch darum, den Zugang, die Verfügbarkeit und Vermittlung von Kunst zu optimieren. Was kann man beispielsweise tun, damit noch mehr Menschen Kunst sehen können? Oder was kann man machen, um die Passivität eines Kunstwerkes aufzubrechen? Besonders die Street Art und Graffiti spielen bei diesen Fragen eine wichtige Rolle für YAMZO, da sie seiner Meinung nach noch nicht präsent genug sind und es hier noch nicht viele digitale Einsätze gibt. Andere Genre, wie z. B. Bilder der Alten Meister sind in diversen Apps bereits seit Jahren zu finden. Beispielsweise als Bildverarbeitungsprogramm, wo ein Filter eines bekannten Gemäldes über ein privat aufgenommenes Foto gelegt wird. Street Art und vor allem Graffiti haben hingegen oft recht abstrakte Gestaltungsformen, die auch für eine KI nicht so schnell zu verstehen und zu erlernen sind. Und es gibt zudem unendlich viele von ihnen. YAMZO wünscht sich deshalb von den Projekten im OZM HAMMERBROOKLYN, dass durch sie eine noch größere Vernetzung zwischen Kunst, Technologie und öffentlichem Raum stattfindet. Aber auch die Reichweite für die Genre Graffiti und Street Art soll durch die digitalen Vorhaben erhöht und das öffentliche Interesse dafür noch mehr geweckt werden. Zudem soll die App Graffiti Kompass unbekannten Sprayer*innen und Street Artists eine Plattform bieten, auf der ihre Werke entsprechend anonym gesehen werden können. Und nicht zuletzt soll OZMAI auch als Inspirationsquelle für andere künstlerische Vorhaben und Arbeiten dienen. Durch diese Realisierungen zeigt YAMZO, dass der Einsatz digitaler Technologien durchaus Neues erschaffen kann, das durch Einfallsreichtum besticht und Überraschungsmomente bereithält. Das betrifft nicht immer nur ein Objekt, sondern auch oft die Rezeption, die aber bei der Wahrnehmung von Kunst essenziell wichtig ist. Zwar ist OZMAI darauf angewiesen, von bereits vorhandener Kunst und Wissen zu lernen, aber YAMZO überträgt als Programmierer das Bestehende in innovative Kontexte. Ob das nun kreativ ist oder nicht, muss jede/r für sich selbst entscheiden. Aber Kunst ist mehr als nur die reine Schöpfung eines Werkes. Das postdigitale Zeitalter ist weiterhin auf dem Vormarsch und es werden ganz bestimmt noch die unglaublichsten Dinge passieren.

Quellen
art spezial (Kunstzeitschrift): Street Art, Hamburg, 2014.
Sebastian Rosengrün: Künstliche Intelligenz zur Einführung, Hamburg 2021.
wikipedia: Künstliche Intelligenz. [online] Homepage: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie URL: https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BCnstliche_Intelligenz [Stand: 24.11.2021]
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