„Es geht mir nicht darum etwas zu malen, was grandios aussieht, ich male, was mich ausmacht“

Im Interview mit Mirko Reisser, welcher das erste Mural, des aktuellen Projektes UpTheWall, verwirklicht.

Mirko Reisser, auch DAIM genannt, ist nicht stolz auf seine Karriere als weltweit anerkannter Graffiti-Künstler. Er ist lediglich froh und behauptet, sein Erfolg hätte mehr mit der gesellschaftlichen Entwicklung, als mit seinem Können zu tun. Diese und seine Visionen haben ihn in die Position gebracht, in welcher der 49-Jährige Künstler, der zur ersten Generation der Graffiti- Sprüher gehört, sich heute befindet.

Wenn man mit der S-Bahn die Strecke Hammerbrook-Hauptbahnhof passiert, kann man gar nicht anders, als gebannt auf das großflächige Mural von DAIM zu schauen. Tag für Tag nehmen die komplexen Strukturen des Letterings eine geschlossenere Form an, wodurch sie gleichzeitig an Offenheit gewinnen und immer tiefer in die Umgebung einzudringen scheinen.
Somit hat das Werk schon jetzt die wichtigste Anforderung der Grundidee von UpTheWall erfüllt: Das Innere des OZM wird nach Außen hin sichtbar gemacht und bringt die erste offensive Veränderung in das industrielle und geschäftliche Viertel.

Das Mural könnte für den außenstehenden Betrachter auch als in sich geschlossenes Werk gesehen werden, doch in Wirklichkeit ist das Wandgemälde die Fortsetzung eines Motivs, das seinen Ursprung in dem Werk findet, welches durch ein Projekt zur Förderung von Urban Art in Næstved entstand.

Was also steckt hinter den dreidimensionalen Formen und Buchstaben, die nicht nur der Seitenwand des OZM, sondern dem ganzen Viertel neuen Glanz verleihen? Diese und weitere Fragen wurden von DAIM höchstpersönlich in seinem zukünftigen Austellungsraum des OZM beantwortet.

Schön, dass es geklappt hat! Um direkt in das Thema einzusteigen: Die Freundschaft zwischen Alex Heimkind und dir reicht weit in die Vergangenheit zurück. Wie fühlt es sich an, durch das Projek UpTheWall Teil des OZM’s zu werden?

Da Alex und ich uns schon seit über 20 Jahre lang kennen, habe ich natürlich alles verfolgt, was er mit der Zeit auf die Beine gestellt hat. Trotzdem habe ich mich noch nie aktiv bei ihm als Künstler engagiert. Es war für mich auch notwendig, alles erstmal zu verfolgen und zu gucken, was er da so macht, zu schauen, was das für ein Potenzial hat.
Und ich habe dann auch gesehen, wie ernsthaft er das mit dem alten OZM im Schanzenviertel durchgezogen hat, wie er da so nach und nach gute Künstler gewinnen konnte… Dann war am Ende, natürlich bevor es dann abgerissen worden ist, auch eigentlich erst das Werk vollbracht. Am Endpunkt hat man dann die volle Energie gespürt. Deshalb hat es mich dann auch gefreut zu hören, dass es überhaupt ein neues OZM in diesem Rahmen geben wird. Als ich die Stimmung dann hier (in Hammerbrook) erlebt habe, hat es mich sehr gefreut, ein Teil dieses Projektes werden zu können.
 
Apropos volle Energie; welches Gefühl war für dich am präsentesten in der Zeit, die du hier bis jetzt gearbeitet hast?
Da muss ich jetzt ein bisschen ausholen. Arbeiten die ich allein und ohne Auftragsrahmen in dieser Größenordnung in Hamburg mache, sind extrem selten. Dass ich meine Werke austelle oder große Wandarbeiten sprühe, passiert fast nur in anderen Städten oder im Ausland.
Für mich ist das total schön, sowas mal in Hamburg zu tun, auch noch um die Ecke von meinem Atlelier und in Hammerbrook. Die Familie kommt auch ab und zu mal vorbei. Das habe ich normalerweise ja gar nicht. Sonst fliege ich irgendwo hin, arbeite dort dann von morgens bis abends, zehn Tage lang durch und fliege dann wieder zurück. Da gibt es in der Zeit nur „Bild malen“.

Hier ist es eben etwas anderes. Auch wenn ich diese Räumlichkeiten ja von Anfang an kenne, spüre ich diesen neuen Ort erst jetzt richtig, wo ich wirklich da bin. Ich wollte das Mural ja eigentlich schon letztes Jahr im Winter machen. Das wäre hektisch gewesen. Das hätte sich nach „ach komm jetzt schnell, wir müssen das jetzt durchziehen“ angefühlt und hätte so gar keinen Sinn ergeben. Jetzt fühlt sich das alles sehr richtig an. Und dann ist es zusätzlich angenehm über einen so langen Zeitraum zu arbeiten. Insgesamt vier Wochen, aber dann natürlich nicht von morgens bis abends…

Um ein wenig präziser auf die Arbeit einzugehen: Schon im Vorfeld sprachen wir darüber, dass das aktuelle Werk eine Fortführung deiner Arbeit in Dänemark ist. Was war die Grundidee des Murals in Næstved?

Grundthema meiner freien künstlerischen Arbeiten ist immer mein Künstlername DAIM. Ich schreibe seit 30 Jahren meinen Namen. Natürlich mache ich auch andere Sachen, aber bei den freien Arbeiten, genau wie jetzt hier an der Wand, ist eben DAIM das zentrale Motiv, das immer mehr aufgesprengt wird. Es ist eine Dekonstruktion meiner Typographie. In diesem Fall basiert der Style auf der Arbeit in Dänemark, ich lasse ihn aber weiter aufsprengen. Das ist ein Prozess, den ich über Jahre hinweg umsetzten möchte. Meine Typographie soll immer weiter aufgesprengt werden, sodass sie am Ende vielleicht sogar ganz in der Abstraktion endet.

Bestand von Anfang an die Intention das Motiv weiterzuführen? Und ist dies nun Teil 2/2 oder geht es danach noch weiter?

Ich halte mir das offen. Als ich die Wand hier gesehen habe, dachte ich bei dem Format sofort an die Næstved Wand, und dass das Motiv super hier rein passt.
Besonders von der Umgebung, wenn du im Außenraum arbeitest, spielt diese ja auch eine Rolle.

Im zweiten Step ist dann noch geplant das Ganze mit AR (Augmented Reality – erweiterte Realität) weiterzuentwickeln, sodass man sich das Bild mit einer App anschauen kann und es wirklich aus der Wand herauskommt. Das haben wir in Dänemark natürlich nicht gemacht, es wäre etwas ganz Neues.
Dieses Projekt folgt als nächstes, nachdem wir die Ausstellung hier in den Räumlichkeiten eingerichtet haben.

Wie du bereits erwähnt hast, gibt es in fast allen deiner Werke gemeinsame Nenner: Das Spiel mit deinem Namen, die detaillierte Arbeit mit Schattierungen und die Dekonstruktion. Was sind Faktoren, die deine Kunstwerke voneinander unterscheiden?

Es gibt einmal das Stilistische; ich habe im Grunde die schattierten dreidimensionalen Körper, die Volumen, die großen einfarbigen Flächen, die gestrichen und abgeklebt werden und dann habe ich die schwarze Linie, die durch das ganze Bild durchgeht. Das finde ich hier besonders spannend, diese drei Themen zu haben und mit den verschiedenen Techniken zu kombinieren.

Laut einer Aussage von dir, sind deine Schriftzüge Selbstporträts. Welchen Teil deiner Persönlichkeit spiegelt das aktuelle Werk am prägnantesten wieder?

Naja alles. Also für mich steckt da mein ganzer Charakter in diesen Bildern. Wenn man überlegt, man schreibt da seit 30 Jahren seinen Namen, vier Buchstaben, ist das jetzt nicht besonders vielfältig. Trotzdem, wenn man sich das so über die Jahre hinweg anschaut, ist da eine ganz schöne Entwicklung zu sehen. Das spiegelt absolut auch meine persönliche Entwicklung wider, als Mensch. Ich finde, ich treibe das immer ein Stück weiter und habe nicht das Gefühl mich im Kreis zu drehen oder irgendwas abzunudeln. Es entstehen relativ wenige Arbeiten von mir. Dänemark ist ja jetzt auch schon wieder zwei Jahre her. Dann geht es jedes Mal einen kleinen Step weiter und man entdeckt wieder etwas Neues, womit man umgeht. Oder man akzeptiert Dinge. Ich glaube früher war ich viel ehrgeiziger, viel perfektionistischer getrieben, ohne dass die Bilder unbedingt perfekter waren. Es war eher die innere Haltung. Jedes Bild musste noch besser werden, noch anders. Heute ist man gelassener, trotzdem ist es eine Mischung aus „Ich könnte das jetzt noch viel aufwendiger machen, muss ich aber gar nicht“. Vor allen Dingen was das dreidimensionale angeht. Das dreidimensionale ist das, was bei mir immer gerne erwähnt wird, aber es spielt für mich gar nicht die größte Rolle. Es ist gar nichts, worauf ich einen besonderen Wert lege. Das finde ich schon immer fast komisch, wenn meine Arbeit darauf reduziert wird, denn darum geht’s mir ja gar nicht. Dann merke ich wieder, es sind eben diese Selbstporträts. Es geht mir nicht darum etwas zu malen, was grandios aussieht, sondern ich male, was mich ausmacht und ich finde mich darin zu 100% wieder.

Was würde dein jugendliches Ich sagen, wenn es durch das Viertel spazieren und dich im Hier und Jetzt bei deiner Arbeit sehen würde. Wäre es stolz?

Es ist ja so, dass ich mit 17, was relativ spät ist, angefangen habe zu sprühen. Ich habe nicht als 13-Jähriger begonnen und dann diese Spielphase gehabt, wo man viel Blödsinn gemacht und sich erst dann reingearbeitet hat. Ich habe relativ spät angefangen und dann in kürzester Zeit davon leben können; Aufträge gemacht und nur noch gesprüht. Ich habe mich schon Jahre vorher für Hip-Hop Musik interessiert und die Szene beobachtet. Dann gab ich so Gas, weil ich total Bock drauf hatte, weil es mir Spaß gebracht hat. ’89 war nicht die Zeit, in der man dachte, dass man mit dem Sprühen großartig Geld verdienen könnte.
Als ich fertig war mit der Schule habe ich natürlich schon gesagt: „Ich will nichts anderes machen, und wenn ich nichts anderes machen will in meinem Leben, dann muss ich damit Geld verdienen.“ Ich habe es damals geschafft über den Tellerrand zu schauen. Es gab keine Beispiele, an denen du dich orientieren konntest. Du musstest für dich die Vision haben. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, war mir das alles schon damals klar. Es ist nicht so, als hätte ich mir das überhaupt nicht erträumen können, genau das wollte ich ja immer haben. Davon habe ich schon vor 30 Jahren geträumt.
Ich bin total froh und glücklich, dass das funtioniert hat. Diese Entwicklung ist aber nichts, was mich stolz macht, denn es hat nur bedingt etwas mit meinem Können zu tun.

Es hat unglaublich viel mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun. Ich habe genau das richtige Zeitfenster erwischt. Einmal, weil ich schon so alt war, im Grunde fast so alt wie die ganzen Old Schooler, die schon ’84/’85 angefangen haben zu sprühen. Und zum anderen, weil ich in der richtigen Situation war.
Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich Eltern hatte, die mich immer in Ruhe gelassen und mich supportet haben. Ich konnte einfach machen, ohne dass sie besorgte Fragen stellten.

Ich habe nie Zukunftsängste gehabt. Das ist vielleicht eine hilfreiche Charaktereigenschaft. Ich kenne sehr viele die diesen Weg nicht gehen konnten, weil die Zukunftsängste zu groß waren.

Was würdest du dir wünschen, mit deinem Mural, hier speziell in Hammerbrook, zu bewirken?

Es kommt ja extrem selten vor, dass eine langjährig vermietete Werbefläche frei ist und dann auch noch extra für ein Graffiti abgehängt wird. Die Fläche und die Werbung, die auf ihr gespannt war, kenne ich schon gefühlt seit ich denken kann. Ich bin schon tausend Mal hier entlang gefahren und stand an der Ampel, mit Blick auf die Fläche. Jedes Mal dachte ich mir: „Was für eine Knallerwand“. Das ist natürlich auch deswegen etwas Besonderes, weil es hier ein urbaner Hotspot ist. Urbaner geht ja Hamburg kaum noch. Es gibt noch die Hafenurbanität, aber wenn man vom Hafen absieht, ist die Ecke Hammerbrook absolut der urbanste Spot in Hamburg. Es hat sich auch in den letzten 30 Jahren kaum etwas verändert. Jetzt passiert hier plötzlich ganz viel; es werden große Bauten abgerissen und neu gebaut. Man weiß ja, dass auch dieses Gebäude irgendwann wieder weg sein wird, aber nur deswegen sind wir schließlich hier und nutzen die Zeit, die wir haben. Das dieser Ort hier ist, wird auf ganz Hamburg ausstrahen. Es wird ein Zentrum sein, wo die Leute hinkommen. Das liegt aber nicht am Viertel, sondern das liegt an Alex Heimkind. Er hat es im alten OZM in der Schanze bewiesen und jetzt wird er es auch hier beweisen. Mit der Energie, die er da rein bringt, könnte er überall im urbanen Raum sitzen.

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