„Am Ende ist die persönliche Erfahrung wichtig. Ohne diese geht es nicht.“ – Alex Heimkind im Interview über Kunst und Digitalität mit Rhea und Pauline im Rahmen des Studiums Kultur der Metropole der hcu

Spätestens seit diesem Jahr ist deutlich geworden, dass die Entwicklungen der Digitalisierung auch im kulturellen Bereich kaum mehr wegzudenken sind. Die Kunstbranche erkannte zwar schon Ende des letzten Jahrhunderts die Relevanz von diversen medialen Ausdrucksformen, doch fand der Großteil des künstlerischen Austauschs lange Zeit weiterhin analog statt. Es drängen sich Fragen sowohl über die Zugänglichkeit als auch über die Herausforderungen des digitalen Strukturwandels auf. Wer sich schon früh mit ihrer Beantwortung beschäftigt hat, liegt heute klar im Vorteil. Alex Heimkind war einer der ersten Akteure, der künstlerischen Inhalten digitale Sichtbarkeit verschaffte. Er ist Gründer und visionäre Quelle der OZM gGmbH, die nicht nur eine Galerie für Graffiti, sondern zugleich Standpunkt eines ausgewählten Künstlerkollektivs mit Fokus auf Urbanität ist, dessen Einfluss über die Grenzen der Hansestadt hinaus reicht. Heimkind selbst ist ebenfalls gestalterisch aktiv. Schon in den 90er-Jahren komponierte er digitale Musik, gründete ein Kleidungslabel und betrieb seinen ersten Onlineshop zum Verkauf von Kunstwerken. Der Fokus liegt bei seiner interdisziplinären Arbeit stets auf dem gegenständlichen Raum, welcher durch aktuelle sowie bereits abgeschlossene Projekte vermehrt digital wahrnehmbar ist.
Rhea: Vor der Gründung des OZM in Hammerbrook befand sich die Galerie fast ein Jahrzehnt im gentrifizierten Schanzenviertel und wurde dann abgerissen, um Platz für Wohnraum zu schaffen. Wie kam es zu der Idee, das OZM samt seiner einzigartigen Murals in ein digital zugängliches 3-D Modell zu übertragen?
HEIMKIND: Früher, vor 500 Jahren, hat man mit der Gutenbergpresse angefangen, Bücher zu drucken. Heute kannst du über Abstraktion, speziell im Internet, komplexe, dreidimensionale Dinge entstehen lassen, die programmiertechnisch aber bisher immer so waren, dass sie nach ein paar Jahren nicht mehr so interessant sind. Und da ist einfach die Idee gewesen, dass auf irgendeine Art und Weise zu archivieren. Mit dem alten OZM hast du die Möglichkeit, dir alles in diesem 3-D Objekt inklusive der Musik anzusehen und anzuhören. Dafür bräuchtest du 24 Stunden, was kaum ein Mensch macht. Eigentlich hat die Darstellung in dieser Oberflächlichkeit so auch kaum einen Sinn. Wir hatten überlegt, daraus noch eine Art simulierte Welt zu schaffen, die ein bisschen wie ein Computerspiel ist. Zu der Zeit habe ich das mit dem alten OZM nicht gemacht, aber wahrscheinlich kriegen wir das in Hammerbrook hin. Zumindest wird es in so eine Richtung gehen. Es ist einfach eine Form der Archivierung. Aber vielleicht bin ich da ein interessanter Ansprechpartner, denn ich hatte letztes Jahr erst circa eine Million Daten gelöscht. Programmiersprachen verändern sich und dementsprechend guckt es sich niemand mehr an; dann kannst du die Daten auch einfach löschen. Das Leben zieht einfach weiter und man darf nicht vergessen, dass diese Daten nur der Schatten sind.

Rhea: Wie kamst du überhaupt zum Programmieren und dazu, Kunst online zu präsentieren?

HEIMKIND: Dadurch, dass ich zu dieser Generation gehöre, die mit einem 8 Bit Rechner im Kinderzimmer angefangen hat, sich mit BASIC einer Programmiersprache auseinanderzusetzen. Diese Generation ist damit sehr spielerisch umgegangen. Auch wenn die Erwachsenen noch gar keinen Schnall davon hatten, dann ist man noch in seiner eigenen Welt gewesen, in der es vielleicht auch bestimmte Vorstellungen von den Dingen gab. Bei mir hat sich das sehr mit der Musik ausgeprägt. Das war für mich eine sehr interessante Weise so nah wie möglich die Maschinensprache über Klänge hörbar zu machen. Dahinter waren immer mehr oder minder philosophische Konzepte, wo ich mir überlegte: Was sind Rhythmen? Wie kann ich das für mich hörbar machen? Wie kann ich Komplexität einfach darstellen? So ging das weiter und weiter und seit 20 Jahren bin ich mehr oder minder im Streaming angekommen.

Rhea: Wird die Kunst mit dem Hintergedanken der Digitalität und ihren Möglichkeiten anders geschaffen? Beeinflusst es die Künstler?

HEIMKIND: (sicher) Ja, viele beeinflusst das. Gerade junge Menschen beeinflusst das sehr, dadurch, dass es oftmals etwas mit Feedback-Schleifen zu tun hat. Die Künstler bekommen über soziale Medien oder andere Kanäle Feedback und denken dadurch, es wäre bedeutsam. Sie merken nicht, dass es tatsächlich ein Schatten ist und sich jemand kurz vorher einen Hundewelpen angeschaut hat. Man kann es gar nicht in Relation setzen. Ich bin sehr froh, dass ich dieser Welt gegenüber, gerade durch das Programmieren, ein bisschen anders begegnen konnte. Ich lernte Dinge zu programmieren, die man vorher in dieser Fülle noch nicht gesehen hatte. Innerhalb von kürzester Zeit konnte man sich auf einmal unglaublich viele digitale Bilder angucken. Das war neu, deswegen habe ich einen anderen Bezug zu dem Thema, stand dem Ganzen mit Ehrfurcht gegenüber.
Oftmals sind es ja tatsächlich ganz untergeordnete Dinge, die dir auf dem ersten Blick gar nicht auffallen, die dich ansprechen und berühren. Wenn du aber in dieser Oberflächlichkeit bleibst und dann nur eine ganz geringe Spanne hast, etwas wahrzunehmen und zu entscheiden, dann bist du immer überfordert von der Auswahl. Scheinbar kommt das Neue nach dem Neuen, bis dir auffällt „Warum zeigt diese Person immer nur eine Perspektive von sich?“. Irgendwann fallen einem solche Muster auf.

Rhea: Wo liegen die Herausforderungen in der Digitalisierung von künstlerischen Inhalten?

HEIMKIND: Ich würde sagen, dass diese Prozesse noch relativ am Anfang stehen. Die letzten Jahre konnte ich eigentlich immer Dinge tun, womit man einer der Ersten war. Ich glaube, dass es heute immer noch so ist, obwohl es so etwas wie Künstliche Intelligenzen auch schon seit den 60er-Jahren gibt. Diese Konzepte können heute viel besser umgesetzt werden, weil du natürlich auch die Rechenleistung hast damit umzugehen. Dazu kommen die unterschiedlichen Netzwerke, die du miteinander verbinden kannst, um gewisse Prozesse sichtbar zu machen. Wenn man so etwas tut, ist man lustigerweise immer noch in einem Bereich, den es genauso vorher noch nicht gab. Hier machen wir genau das; ich versuche mit den Programmierern zu arbeiten, wie ich sonst mit den Künstlern arbeite. Sie haben den Raum und ich versuche die Tools zu besorgen, die sie brauchen. Sie benutzen dann eben keinen Pinsel, sondern eine Sensorik, die über die Netzwerke Aussagen treffen kann und einen Programmiercode, der abgespeichert wird. Gestern sagte Janis (Mitglied des OZM Kollektiv), der Doktor für Informatik ist, dass ihm eingefallen ist, wie er es schafft die KI (Künstliche Intelligenz) so zu gestalten, dass sie über sich selbst nachdenkt. Hier versuchen wir, dass sich der Besucher zum einen mit sich selbst auseinandersetzt und zum anderen mit einem Wesen des Gebäudes interagiert. Dieses durch eine KI gesteuerte „Wesen“ soll die Möglichkeit haben, das Gebäude zu kontrollieren, indem es mit den Besuchern spricht, die Temperatur und die Lichter bedient und durch Biometrie Gesichter erkennt und hereinlässt. Die KI würde teilweise auch meinen Job übernehmen, über die Künstler und ihre Werke zu berichten, Hinweise zu geben, sodass auch eine Inspiration da ist. Am Ende ist die persönliche Erfahrung wichtig. Ohne diese geht es nicht. In der Kunst geht es mir in erster Linie darum, Menschen zu inspirieren.

Pauline: Glaubst du, dass der online Kunsthandel in der Zukunft den stationären Handel ersetzt? Ist schon eine Tendenz erkennbar?

HEIMKIND: Als ich gegen Ende des letzten Jahrhunderts meinen ersten Onlineshop aufgemacht habe, lustigerweise hieß er Hammerbrooklyn, habe ich ein Werk von DAIM eingestellt, das um die 2500 DM gekostet hat. Doch die Menschen, die auf diesen Onlineshop gestoßen sind, haben das Prinzip nicht verstanden. Es gab zu dieser Zeit eigentlich noch keine richtigen Onlineshops. Irgendwann habe ich gemerkt, Leute haben Probleme damit, dass du Preise offenlegst. Dann hat man gemerkt, andere machen es jetzt auch, schließlich warst du damit nicht mehr allein. Heute gibt es Menschen, die eigentlich das machen, was du schon vor 20 Jahren gemacht hast und sagen, sie haben etwas Neues erfunden. Die stellen sich hin und ziehen eine Show ab. Für mich sind die Räume immer ganz wichtig gewesen. Und die Begegnung. Und das Miteinander. Das ganze Kulturelle dahinter ist das A und O. Ohne das, als nur reinen Onlineshop, da bist du jemand, der irgendwann keine Relation mehr hat. Wir sind mit dieser Kunst angetreten, um Gesellschaft zu beobachten und sie auch ein Stückchen zu verändern. In der Digitalität ist das alles nicht möglich. Leute, die heutzutage einen Onlineshop betreiben, können natürlich auch digital vieles präsentieren, aber all diese Erfahrungen, die dazugehören und die man machen muss, sind nicht wirklich möglich. Ich kann jedem nur empfehlen, mit einem Künstler über ein Vierteljahrhundert zusammen zu arbeiten. Dass es erst dazu kommt, jemanden solange zu fördern oder ein Miteinander zu gestalten, da gehört eine Menge dazu in der heutigen Welt. Es wird oftmals suggeriert, dass ein Jahr schnell vorübergeht. Ich kann dir sagen; ein Jahrzehnt ist nichts. Viele meiner Künstler malen schon fast 40 Jahre. Die sind aber nicht abgehoben und sagen: „Was haben wir schon alles geschafft“, sondern die sagen eher, wie Darco FBI aus Paris: „Es hat doch jetzt erst begonnen“.
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Pauline:
Einer der Ursprungsgedanken von Graffiti ist die uneingeschränkte Zugänglichkeit im urbanen Raum. Ist die digitale Präsentation von Graffiti eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Gedankens?

HEIMKIND: Graffiti selbst ist ja selten in 3-D, es ist ja immer zweidimensional. DAIM ist so bekannt geworden, da er 3-D gemalt hat, obwohl die Technik dies noch nicht zuließ und diese auf einer Art und Weise hyperrealistisch wirkte. Heute ist die Technik dazu im Stande. Es gibt über Google Paintbrush Ansätze, wo du im dreidimensionalen Raum malen kannst und sicherlich kannst du da auch etwas Tolles kreieren, du kannst Pixel bauen und ganze Welten erschaffen oder auch eine KI einsetzten, die wiederum ganze Welten erschafft. Man kann sich da komplett drinnen verlaufen. In dem Bereich, wo wir unterwegs sind, ist es allerdings total wichtig zu wissen; wer hat es gemacht? Warum hat er das gemacht? Und wann hat er das gemacht ? Man muss aufpassen, dass es dadurch nicht in einen Wendebereich kommt. Dass du die Dinge nicht nur für das Foto, das Buch oder für den Instagram-Account tust. Ich habe ja selber gemalt, aber ich habe da nie drüber gesprochen. Das war eine der wenigen Sachen, wo ich nicht drüber sprechen musste. Ich habe es einfach getan, brauchte davon niemandem, auch nicht meinen Freunden erzählen.
Für mich ist das digitale Graffiti auch ein Teil der Musik. Meine Musik ist eine Art, Graffiti digital zu gestalten. Wenn du die Musik so hörst, wie sie gemeint ist, dann wird vor dir ein Raum entstehen, in dem etwas passiert und der dann auch wieder vergeht. Und ähnlich ist es auch, wenn du vor den Bildern stehst: Es öffnet sich etwas, wenn du dafür offen bist – und wenn du dann weiter gehst, dann schließt sich dieser „Raum“ wieder. Farbe und Form kann man natürlich in 3-D Max entstehen lassen, natürlich ist da die Haptik nicht mehr vorhanden. Alles was dort entsteht, mache ich mit einer Maus oder mit anderen technischen Geräten, die es einem ermöglichen, meine Bewegungen zu erfassen und auf digitales Papier zu bringen. Doch dies ist natürlich nur eine Imitation davon, wie es draußen auf der Line, wo ganz viele andere Faktoren wie Wetter, Verkehr, Passanten dazu zählen, stattfindet. Im Grunde genommen geht es ja eher um die Fortführung von etwas. In der Musik geht es auch darum eine Sache darzustellen und einen Prozess dafür einzugehen.

Pauline : Was sind Ziele deiner Projekte im Hinblick auf die Digitalität? Gibt es geplante Projekte, die einen besonderen Fokus darauflegen?

HEIMKIND: Im Netzwerk oder im Internet gibt es die Idee, dass du Informationen in Container verpackst und diese dann verschiffen kannst. Wenn dann ein Hafen zu macht, dann verschiffst du das über andere Häfen, um an dein Ziel zu kommen. Beim Programmieren sollte man sich eigentlich nicht im Vorhinein beschränken. Doch durch einen Ort wie der OZM gGmbH sind wir ja im Vorhinein automatisch beschränkt. Wir sind örtlich beschränkt, da wir die geschaffenen Kunstwerke immer wieder übermalen müssen. Irgendwann wird das ganze abgerissen und dann entsteht wieder etwas Neues. Wenn wir unsere Arbeit bis dahin gut gemacht haben, werden irgendwelche Prozesse oder Teile aus dem, was wir hier schon erarbeitet haben, in irgendeiner Form auch dort auftauchen. Sei es in Form einer Software, Graffiti oder Erinnerungen. Diese Idee mit den Containern ist das Projekt, was ich eigentlich verfolge. Mich hat es auch schon immer interessiert, wie Graffiti als Architektur aussieht. Über die Container können wir Räume schaffen, die nicht wie das OZM immobil, sondern mobil sind. Wenn Graffiti eines hat, dann ist es die Möglichkeit, Räume mitzubringen und auch ganz neue Räume zu schaffen. All diese Erfahrungen der Digitalität, die wir jetzt schon hier in diesem Projekt erfahren, fließen schon in dieses Projekt mit ein. Wir sind eigentlich schon wieder einen Schritt weiter in der Zukunft. Wir haben vielleicht die Möglichkeit, dass wir als OZM an einem Architekten-Wettbewerb für die geplanten Hochhäuser einen künstlerischen Beitrag leisten können. Es geht nicht darum, dass die jetzt gebaut werden, sondern es geht darum, dass wir einfach eine ganz andere Vorstellung haben über das, was die Zukunft angeht. Meiner Meinung nach werden Verknüpfungen, die jetzt schon bei uns da sind, in einem Jahrzehnt Standard sein.